Biografie

 "Meine Autobiografie, Teil 1"

Als Künstler hat Christian Hirdes natürlich viel Tagesfreizeit. Daher hat er irgendwann aus Langeweile schon mal seine Autobiografie zu schreiben begonnen. Sie soll den Titel „Bitte nicht glücklich, mein Leben als Künstler“ tragen und aus drei Teilen bestehen. Teil 2, „Goldene Jahre und tiefer Fall“ betitelt, ist für das Jahr 2024 geplant, der dritte Abschnitt „Happy End: Vom sensationellen Comeback bis zur Weltherrschaft“ soll kurz vorm Ableben des Autors fertiggestellt werden. Bislang verfasst ist immerhin schon eine grobe Skizze des ersten Teils, der den Arbeitstitel trägt: „Ich hatte doch nichts -oder Lehrjahre sind keine Wechseljahre“ und konsequenterweise im November des Jahres 2003 endet, als sein Girokonto zum ersten Mal schwarze Zahlen auswies.

-geb.1974 in Mülheim an der Ruhr

-1979 (?) musikalische Früherziehung. Meiner Erinnerung nach basteln wir Rhythmusinstrumente aus Alltagsgegenständen und spielen dann zusammen sehr laut und nervig und kakophonisch. Ich glaube, Musik interessiert mich nicht besonders

-1980 Einschulung, „Katholische Grundschule an der Duisburger Straße“, ab 1982 Blockflöten-AG in der Schule

-ca.1981 Ersinnen erster eigener Liedtexte und Melodiefragmente, stilistisch beeinflusst von Neuer Deutscher Welle und Schlagern. Berufswunsch „Stimmungsliedsänger bei Feiern aller Art und im Fernsehen“. „In der Pechstraße ist der Teufel los, denn die Meiers, die ziehn um“, bleibt, ebenso wie alle potentiellen Nachfolgehits, bis heute unveröffentlicht

-ca. 1983: Drei „Kommissar Schimpanski“-Kriminalgeschichten entstehen, weitere ca. 20 Folgen des als Serie konzipierten Konzeptes werden wegen einer kreativer Schaffenskrise aus der Planung gestrichen

-ca. 1983 erste Bühnenerfahrungen: Auftritte mit elterlich getexteten Gedichtvorträgen bei Familienfeiern

- 1984 Erster Comedy-Auftritt: Karl-Valentin-Sketch („In der Apotheke“) bei Grundschul-Abschlussfeier. Qualifikation: Konnte als einer der ersten in der Klasse den Namen des Medikaments auswendig, das der Apotheker am Ende dem Kunden verkauft: „Isopropilprophemilbarbitursauruspenildimentildimentylaminophyrazolon“.
Spielte dann aber die Rolle des Kunden, der den Namen gar nicht nennt, sondern die anschließende Pointe des Sketches hat („Ja, ja, so einfach, und man kann’s sich doch nicht merken“).
Betrachte die Bühne nunmehr aber als reines Hobby, Berufswunsch stattdessen: Fußballstar (Mittelstürmer).

- 1984 Abschluss der Grundschule, Wechsel zur „Otto Pankok Schule“, Mülheim

- 1984-85 das erste Romanfragment „Johnny Mc Bonbon, der Sheriff von Klein Texas“, unter dem Pseudonym „Chris Hick“, begonnen, bleibt unvollendet, ebenso weitere Prosawerke und vereinzelte Comic-Entwürfe in den folgenden Jahren. Die Sache mit den Comics scheitert daran, dass ich es zeichnerisch nie schaffe, zweimal dieselbe Figur hinzukriegen, was das Erzählen einer Geschichte in mehreren Bildern unmöglich macht. Berufswunsch Schriftsteller, Vorbilder Enid Blyton und Wolfgang Ecke. Die Erwähnung meines Berufswunsches im Deutschunterricht bringt mir bis zum Ende der 10. Klasse die Sympathie der Klassenlehrerin und gute Zensuren in Deutsch ein.
Hänge die Fußballstiefel an den Nagel. Karriere blieb torlos.

-ca.1984-87 Nach der Blockflötengrundausbildung an der Grundschule ist es Zeit für das Erlernen eines neuen Instruments. Ich bin für Saxophon, wahrscheinlich wegen „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug, aber meine Eltern bevorzugen Klavier, was zwar nicht cool, aber auch nicht uninteressant ist. Also bekomme ich Klavierunterricht, erlerne motorische Grundlagen, kriege das Spielen nach Noten aber nicht hin. Entweder übe ich die Stücke gar nicht oder so lange, bis ich sie quasi auswendig spiele und nur alibimäßig hin und wieder aufs Notenblatt schaue. Ich arbeite also viel nach Gehör, weswegen Bela Bartok letztlich meine Ausbildung zerstört: Es klingt ständig falsch, so dass ich denke, mich verspielt zu haben, und mühsam die Notenwerte abzähle, um dann aber festzustellen, dass es doch richtig war. Das bringt mich zur Weißglut – noch heute erzählt meine Mutter gern, wie sie sogar in der Küche laut hörte, wie ich im Keller wütend mit den Füßen gegen das Klavier trat - und nimmt mir endgültig jeglichen Spaß. Ich beende gegen den Willen meiner Eltern den Unterricht, was ich, wie sie mir prophezeien, später einmal bereuen würde.
Verbringe schon bald wieder viel Zeit am Klavier –ohne Noten-, erschließe mir kreativ Harmonielehre, eigne mir Begleittechniken an, singe. Trete nicht.
Nehme irgendwann an einem auf Peter Bursch basierenden Gitarrenkurs teil, lerne dabei ein paar Akkorde, mache auch hier dann autodidaktisch weiter.

- 1985 Das erste Mal –unglücklich- verliebt, emotionaler Zustand höchster künstlerischer Inspiration. Der Zustand wird sich in den folgenden Jahren unzählige Male wiederholen und eine romantisch-melancholisch-sensibel-pathologische Künstlerseele formen.

- ab 1986 erste Gedichte und Kurzsatiren entstehen, Künstlername wird in „Chris His“ geändert, dann abgelegt. Berufswunsch noch immer Schriftsteller, Vorbilder nun Ephraim Kishon und Heinz Erhardt.

- ab 1987, aufgrund ständiger unglücklicher Verliebtheit in wechselnde Objekte der Begierde erste Band-Pläne mit Schulfreunden, u.a. Christoph H., der nun Gitarrenunterricht nimmt. Songs auf Englisch entstehen („The Outsider“, „Suicidal love“, “For a friend”). Daneben schreibe ich aber auch auf Deutsch, nämlich lustige und unlustige Gedichte.

-1988 erste Band „The key“ wird gegründet, Einziger Auftritt 1989 auf der Mittelstufenabschlussfeier – Open Air vor Mitschülern, Eltern und Lehrern. Neben Gitarrist Christoph H. und mir spielt ein Aushilfsschlagzeuger mit, da der eigentliche Drummer, der kurze Zeit später gefeuert wird, sein Instrument noch nicht ausreichend beherrscht –dafür soll er aber echt gut Tennis spielen.
Als Keyboarder (bereue es übrigens, mit dem Klavierunterricht aufgehört zu haben) und Sänger teile ich der Welt meine melancholischen Gemütszustände sowie sozial engagierte, gesellschaftskritische Botschaften mit -auf Englisch, und fühle mich zu Recht unverstanden. Auch die Mutation unerreichbarer Frauen zu willigen Groupies stellt sich nicht wie erwünscht ein.

-1990 Aus der „The Key“-Urformation heraus entsteht die zweite Band, die in der Folgezeit ihren Namen erst von „Band-Projekt der Musikschule Mülheim“ in „The Surfing birds“, dann „The exbirds“ ändert. Ich erlerne und spiele Bass (wie jeder Bassist, weil’s sonst keiner machen wollte), treffe mit Sänger, Songwriter, Rhythmus-Gitarrist und Liebeskummer-Experte Ahmed A. allerdings auf einen zweiten kreativen Kopf. Ein Lennon-Mc-Cartney-artiges Spannungsverhältnis entsteht, wobei ich Lennon bin. Konkurrenz in punkto Liederschreiben, aber auch Frauenaufreißen. Letzterer Wettbewerb endet zunächst unentschieden, also (wiederum) torlos.

- 1992 Die Surfing Birds auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Beim „Rock im OP“-Konzert im Forum der Otto-Pankok-Schule stehlen wir den etablierten „Backwards Travellers“ aus Stufe 13 die Show. Mit einer Mischung aus eigenen Songs von Ahmed und mir sowie stilistisch unkonventionell zusammengewürfelten Coverversionen („Still got the Blues“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“, „Surfing Bird“, „Losing my Religion“ „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, „Money for nothing“, „Wind of Change“) stürzen wir das Publikum in ein Wechselbad der Gefühle. Wir fühlen uns cool – sind wir aber nicht, und wähnen uns kurz vor dem Durchbruch – sind wir, wie die Geschichte zeigen wird, aber auch nicht.

-1992 Nebenprojekt: Ich werde Bassist bei der Mülheimer Deutschrockgruppe „Washma’“, verliebe mich heimlich in die – meiner persönlichen Vermutung nach aber wohl lesbische - Sängerin, und erzähle das nach unserem einzigen gemeinsamen Auftritt (beim „School’s out“-Festival“ auf der Freilichtbühne in Mülheim) völlig besoffen dem mit ihr eng befreundeten Drummer der Band. Steige daraufhin beschämt bei „Washma’“ aus, einige gerade entstandene deutsche Songs liegen nun in der Schublade („Rock’n’Roll war lauter als Deiner Liebe Klang…“)

- 1993 Abitur, Führerschein, Ende 93 Studienbeginn (Germanistik, Anglistik auf Magister in Bochum). Berufswunsch (vage und provisorisch): „Journalist, weil man da schreiben und ergo kreativ sein kann, also irgendwie künstlerisch, aber doch solide“. Konzept: Was Geisteswissenschaftliches studieren und parallel versuchen, für Zeitungen zu arbeiten. Letzteres wird sich allerdings vor 2002 nicht ergeben. Wäre auch viel zu schüchtern, mich irgendwo zu bewerben. Heimlicher Berufswunsch nach wie vor: Rockstar.

-1993 Im gemeinsamen Spanien-Urlaub singt mein Bandkollege und Freund Ahmed A. bei unserer „California Dreaming“-Gruppenperformance in der Karaoke-Bar die Hauptstimme, während ich nur Hintergrundchor bin. Die hübsche I. aus München küsst daraufhin ihn – und nicht mich, der ich sie schon ein Jahr vorher kannte und natürlich unglücklich in sie verliebt war. Ahmed wird nun geächtet, die Band wird aufgelöst und ohne ihn neu gegründet, während er in der Folgezeit meines Wissens nach sowas wie „Die Wings“ ins Leben ruft. Eine Versöhnung findet Jahre später statt.

-1993 „The Exbirds“ werden endgültig aufgelöst, Christoph H. und ich gründen das Studioprojekt „Tabu“. Unsere Freundin und Gesangsentdeckung Petra O. soll uns als Frontfrau endlich zu Starruhm führen. Sie ist sehr nett und stimmlich stark, aber auch schüchtern - und bekommt vor jeder Aufnahme Spirituosen eingeflößt, damit sie sich überhaupt traut. Ich schreibe nun deutschsprachige Lieder –teilweise aus weiblicher Sicht-, und soll ansonsten lediglich Backgrounds singen. Christoph spielt weiterhin Gitarre, der Bass wird gegen meinen Willen vom – mir technisch überlegenen - Computer übernommen.

-1993 Ich nehme neue Lieder am Klavier als provisorische Rohversionen auf, um sie im Anschluss mit Christoph zusammen zu arrangieren. Seine damalige Freundin bekommt ein solches Tape zu hören und schlägt mir vor, damit aufzutreten, da sie meint, es klänge nur mit Klavier und meinem Gesang schon recht gut. Einen Gig hat sie auch zu bieten: Ihr Bruder eröffnet eine Pizzeria, und ich kann bei der Eröffnungsfeier als Vorprogramm für die schon engagierte Band fungieren. Unbedarft nehme ich das Angebot an und trete eine Woche später auf - ein grandioser Erfolg fällt mir in den Schoß. Der naive schüchterne Junge mit dem Verlierer-Charisma, der es faustdick hinter den Ohren hat (siehe Pressestimmen) und bei seinen teilweise derb-zotigen Texten selbst rot wird, kommt an. Mir meiner Außenwirkung nicht bewusst führe ich den Erfolg allein auf die Qualität meiner Texte und Kompositionen zurück und fühle ich mich in meiner seit frühester Kindheit vertretenen Überzeugung, ein Genie zu sein, bestätigt.
Ein erster „inoffizieller“ Solo-Auftritt folgt im selben Jahr: Mit Hilfe einer Freundin, also, meiner damaligen Freundin, organisiere ich einen Abend zuhause, an dem ich vor eingeladenen Freunden abendfüllend eigene Lieder, Gedichte und Kurzgeschichten vortrage.

- 1993 „Charisma“, mein erster und bis heute einziger vollendeter Roman, ist totale Scheiße und wird nicht veröffentlicht.

- 1994 Zwei stressige „Tabu“-Arbeitswochen in Berlin zwecks Aufnehmens des ersten „Studioalbums“ führen zu Lagerkoller und schließlich heftigen (vorübergehenden) persönlichen Differenzen zwischen den Band-Mitgliedern. Tabu wird aufgelöst. Und überhaupt: Was macht Apothekersohn Christoph, Pharmazie studierend, in Berlin, statt wie geplant in Arnheim Gitarre zu studieren? Spießer! Die Freundschaft bleibt erhalten, doch als Künstler bin ich nun auf mich allein gestellt.

-1994 Studium wird um Deutsch/Englisch auf Lehramt erweitert, da dies, wie man sagt, im Prinzip die selben Kurse und Arbeiten erfordere und ohne viel zusätzlichen Aufwand einen zweiten Abschluss bringe.

-1995 Studium wird auf „Deutsch/Englisch“ auf Lehramt beschränkt, da dies, wie man sagt, keine wirkliche Zwischenprüfung erfordere.
Auf einmal bin ich offiziell dabei, Lehrer zu werden. Fühle mich bald durch Schulpraktika in meiner Überzeugung bestätigt, dafür absolut ungeeignet zu sein. Komme in punkto „Autorität“ schon beim Nachhilfeunterricht mit einzelnen 12-jährigen Hauptschülern nicht zurecht.

- 1995 Mein erster offizieller „abendfüllender“ Solo-Auftritt: Auf Vermittlung einer Freundin, also meiner damaligen inzwischen Ex-Freundin, trage ich im „Juca“, dem Jugendcafé der katholischen Kirchengemeinde „St. Mariä Himmelfahrt“ in Mülheim, gut 1 ½ Stunden lang „Lieder und Gedichte ohne Moral“ vor. Habe mir hierfür den Künstlernamen Otto Normal zugelegt, auf Basis des gleichnamigen 1993 geschriebenen Songs (der im übrigen -nach einer Textüberarbeitung 2003- noch bis Ende 2006 Teil meines Programms war). Erster Programmtitel damals: Wie 'n Mann 'ne Frau halt liebt“. Eine Genreeinordnung findet nicht statt: Das Wort „Kleinkunst“ ist mir nicht geläufig, der Begriff „Comedy“ war in der deutschen Sprache noch Science Fiction, und mit Liedermachern (außer Reinhard Mey!) oder gar Kabarettisten habe ich mich bis dato nie beschäftigt und auch nicht identifiziert.
Der zweite „große“ Auftritt Ende 1995 – als Vorprogramm der neuen Mülheimer Formation „Julias Admiral“, die hier aus der Taufe gehoben und zu Weltruhm geführt werden sollte, de facto aber ihren wohl einzigen Auftritt absolvierte - bringt die erste Erwähnung in einem lokalen Presseartikel ein. Hier wird der bis heute zu meinem Repertoire zählende Song „Sie kommt nie“ als „Höhepunkt“ und Otto Normal überhaupt als „Genial sarkastisch“ gefeiert.

1995 Umzug nach Bochum (Zweier WG), mit Kay M., meinem bisher einzigen ebenbürtigen Gegner in „Die Siedler von Catan, Das Kartenspiel für zwei“. Gespielte Partien bis heute, ernsthaft geschätzt, 1650, Stand 08

1996-98 Ich wiederhole alljährlich den Soloauftritt im Juca, weitere Auftritte durch kirchliche Kreise ergeben sich ebenso wie die Verbindung zum Kulturbüro „Boskop“, der an der Bochumer Ruhr-Uni beheimateten „Bochumer studentischen Kulturoperative“, die u.a. als Veranstalter oder auch „Agentur“ in Erscheinung tritt. Ich lerne Kollegen kennen und baue erste Netzwerke auf. Der Gedanke, tatsächlich hauptberuflich Künstler zu sein, wächst durch den Kontakt mit „professionell“ arbeitenden Kollegen.
Unterdessen entwickelt sich auch mein stets „im Fluss“ befindliches Otto-Normal-Programm: Wie eine Band mache ich vor jedem Auftritt eine Set-Liste, probiere dabei viel aus, neue Werke kommen hinzu, alte fliegen raus, Lieblinge kristallisieren sich heraus.

1996 u.97 erste Auftritte außerhalb des Ruhrpotts und seines Umlandes: Ein stark sächselnder Uni-Kultur-Organisator aus Cottbus ruft mich an, da ein Freund eines Freundes von mir, den es zwecks Studiums dorthin verschlagen hat, meine Otto Normal-Kassette weitergeleitet hat. Ich denke erst, verarscht zu werden, doch tatsächlich: In zwei aufeinander folgenden Jahren spiele ich im „Studentenclub Zwischenbau IV“, bekomme neben einer damals als fett anzusehenden Gage auch noch Fahrtgeld und freie Unterkunft, da fließen also die ganzen Gelder aus dem Westen hin!
Jahre später bin ich nochmals wiederholt in Cottbus, beim alljährlich dort stattfindenden und übrigens überaus empfehlenswerten Studenten-Kabarett-Festival, an dem ich einige Male teilnehme, wo ich viele Kollegen kennenlerne und deutschlandweite Verbindungen knüpfe.

1999 Die Cäcilia-Funken, mein erstes künstlerisches Nebenprojekt zwecks Broterwerb, kommt durch Vermittlung von „Boskop“ zustande. Eine aus dem Frauenchor einer Kirchengemeinde in Bochum erwachsene Karnevals-Gruppe, die alljährlich ca. fünf Auftritte im Kontext der Pfarrgemeinde und der Bochumer Karnevals-Szene absolviert, wendet sich auf der Suche nach einem neuen Begleitpianisten u.a. an die „Kulturoperative“ der Uni –und wird an mich verwiesen. Das Programm ist eine Art karnevalistisch-humoristisch-kabarettistischer Jahresrückblick in Liedform, wobei mehr oder weniger bekannte Originalsongs aus den Genres „Schlager, Stimmungslied und Chanson“ von der Leiterin, Frau D. umgetextet werden.
Da Frau D. entweder nur komplexe Begleitungssätze in Form von Noten (kann ich nicht!) oder gar kein Arbeitsmaterial zu den Liedern hat –also keine Audio-Aufnahmen (der Begriff „Musikdownload“ war noch Science Fiction)- ist die erste Arbeitssitzung bei ihr zuhause am Klavier äußerst beschwerlich: Frau D. singt mir das Material, das mir größtenteils unbekannt ist, vor, ich probiere dazu Akkorde aus, die sie dann als richtig oder falsch identifiziert. Nach anfänglichem Zögern nehme ich den Job an und werde zu ca. 5 Proben abgeholt (habe noch kein Auto), wo sich sowohl die ca. 15-köpfige Truppe im Alter zwischen Ende 30 und Mitte 70 als auch ich das Programm erarbeiten. Dann absolvieren wir die Auftritte bei Veranstaltungen, die Namen tragen wie „Gemeinde-Frauenkarneval“, „Pfarrkarneval“ oder „Sturm aufs Rathaus“. Letzteres bezeichnet einen in der Antikarnevalsstadt Bochum recht lächerlich wirkenden Brauch, bei dem der Oberbürgermeister den Schlüssel des Rathauses symbolisch den Närrinen und Narren übergibt, woraufhin diese trommelnd und singend zurück auf die Straße marschieren, wo die ausnahmslos unkarnevalistisch gekleidete und eingestellte Bevölkerung missbilligend die Köpfe über sie schüttelt. Wenn man durch eine Menge Sekt ab 10 Uhr morgens abgehärtet und erheitert ist, ist die Situation, Teil dieser Gruppe zu sein, auch für einen Eigentlich-Eher-Nicht-Karnevalisten, aber durchaus erträglich. Der Job bringt ein bisschen Geld und macht tatsächlich eine Menge Spaß, ich nehme ihn im folgenden Jahr erneut an und er gerät zunehmende zur Herzenssache. Ich werde der „feste“ Begleitpianist der „Funken“ - und bin es offiziell bis heute.
Etwaige spätere Verbindungen zu Frau D., die über unsere berufliche Zusammenarbeit hinausgingen, wären als Privatsache hier nicht erwähnenswert.
Über besagte Frau D. jedenfalls komme ich dann doch noch zu einer journalistischen Arbeit: Zwischen 2002 und Anfang 2004, da ich im übrigen auch umziehe (Siedler-Kartenspiel-Partien mit Frau D. bis heute, geschätzt 200, Stand 08) schreibe ich zwecks Broterwerb diverse PR- und andere Artikel für ein lokales Stadtmagazin, bei dem sie hauptberuflich beschäftigt ist. Ich habe eine gute Schreibe, wie sie mir als meine Vorgesetzte attestiert.

1999 Die Anzahl meiner Auftritte wächst durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Schneeballeffekt an. Viele Mixed-Shows entstehen im Ruhrgebiet, erhöhen die Anzahl der Auftritte und Verbindungen zu Kollegen und Veranstaltern.
Ich gewinne einen „Kleinkunstpreis“ in Bochum: „Aristophanes“, ein aus zwei Gymnasiallehrern und einigen Helfern bestehender Verein zur Förderung von Talenten, lobt den zweiten „Aristophanes Talentwettbewerb“ aus, ein buntes Programm aller möglichen Genres, vorgetragen im Bochumer Museum von Künstlern unterschiedlichsten Alters und Professionalitätsgrades. Alt-Kabarettisten und Konzertpianisten gegen 13 jährige Einradfahrer und Jongleure aus dem Kinderzirkus „Ratz Fatz“, einem Projekt des Bochumer Varietés „et cetera“. Eine Jury wählt zwischen diversen Äpfeln und Birnen im Zweifel die am jüngsten wirkenden Talente aus - ich gewinne den Wettbewerb in der Kategorie „Text“. Als Preis darf ich nun in der Kategorie „Nachwuchs“ am Bochumer Kleinkunstpreis der Sparkasse teilnehmen, den aber der überaus geschätzte Dichter-Kollege Martin Görlitz ("Hasse watt, bisse watt") gewinnt. Wähne mich mit dieser Super-Referenz kurz vor dem Durchbruch.
Einige Nachfolge-Auftritte kommen durch die Aristophanes-Macher zustande, außerdem veröffentlicht der Verein den CD-Sampler „Premiere im Pott“, zu dem ich einige Lieder beitrage.

- 1999 Die Veranstalterin des Bochumer Poetry Slams, Maja H., spricht mich nach einem Auftritt an, erklärt mir, was ein Slam ist und schlägt mir vor, mit den Gedichten meines Programms am kommenden Wettbewerb in Bochum teilzunehmen. Bin Jahre zuvor schon einmal als Jugendlicher bei einer ähnlichen Veranstaltung in Düsseldorf gewesen und sage aufgrund positiver Erinnerungen daran zu. Moderator des Bochumer Slams in der Kneipe „Rauschen“ ist Holger Ehrich, der ansonsten hauptsächlich als die eine Hälfte des - übrigens sehr empfehlenswerten - „Duo Diagonal“ tätig ist, mit dem ich in der Folgezeit so einige gemeinsame Auftritte absolviere und bis heute auch privat äußerst eng befreundet bin.
Ich gewinne den Slam und damit neben einem Preisgeld auch eine Veröffentlichung meines „Siegertextes“ in der „taz ruhr“, einer NRW-weiten Beilage der Tageszeitung taz, die mir bald darauf das Angebot unterbreitet, eine wöchentliche Gedichtglosse zu veröffentlichen. Ich tue dies von 2000-2001 für relativ geringes Geld, dem ich zudem ständig hinterherrennen muss, da die taz ihr lebenserhaltendes Image, stets am Rande der Pleite zu wandeln, nicht nur den LeserInnen, sondern auch den Mitarbeitenden gegenüber zu pflegen pflegt.
Lerne andere Slamer und Slams und Slam-Veranstaltungsorte kennen, nehme in Dortmund, Wuppertal, Düsseldorf, Duisburg und Bonn an Slams teil, die ich auch alle mal gewinne. Führe dies immer noch kein Stück auf meine nach wie vor unreflektierte, schüchtern- trottelige „Art“ auf der Bühne zurück und halte mich einfach für ein literarisches Genie.
Erwäge nun ernsthaft, das in den Hintergrund getretene Studium ad acta zulegen und als Künstler zu leben. Mein Konzept: Ich stelle Bücher im Kopierladen selbst her, kopiere, sortiere und binde sie, was zwar zweitaufwändig, aber auch kostengünstig ist (ca. 3 DM pro Stück), verkaufe sie bei Slams und Lesungen für 10 DM und lebe von dem Erlös zuzüglich Slam-Gewinnprämien, Otto-Normal-Auftritten etc.

- 2000 die erste große Slam-Enttäuschung: Vor den Augen des ununterbrochen Karikaturen zeichnenden, als „Stargast des Abends“ fungierenden Robert Gernhard fliege ich in der ersten Runde des international besetzten Slams in Landsberg am Lech raus. Mein Text: „Warten“ (bis heute im „Anmache“-Programm). Auch würdigt mich der Dichterfürst den Abend lang kaum eines Blickes, obwohl sich im Laufe der Zeit, etwa beim gemeinsamen Am-Tisch-Sitzen, durchaus die Gelegenheit für ihn hätte ergeben können, mich mal zur Seite zu nehmen und, vielleicht mit väterlich warm auf die Schulter gelegter Hand, als „überragendes Talent und meinen legitimen literarischen Nachfolger“ zu bezeichnen. Ich finde Gernhard aber eigentlich auch total überschätzt, weswegen es mir nichts ausmacht, dass mir dieses Glück versagt bleibt. Und er war ja auch abgelenkt, hat ständig nur rumgekritzelt, und übrigens, als Karikaturist finde ich Gernhard erst recht… Aber na ja, sei’s drum. Jedenfalls reiste ich an jenem Wochenende mit günstigem Wochenendticket (und daher Nahverkehrszügen) etwa 600 km hin und am nächsten Morgen nach einer Nacht auf dem Landsberger Bahnhof (hatte besoffen die Herberge nicht gefunden) wieder zurück, also insgesamt ca. 20 Stunden, um dazwischen drei Minuten auf der Bühne zu stehen –und kein einziges Buch zu verkaufen. Herrn Gernhard hätt’ ich ja eins geschenkt, hätte ihm noch eine Chance gegeben, meine Literatur kennenzulernen, war mir dann aber doch zu blöd, ihn anzusprechen. So einen Star.
Und jetzt ist es zu spät, Gott habe ihn selig.

2000 die zweite große Slam-Enttäuschung: Nehme am „German International Slam in Düsseldorf, der inoffiziellen „Deutschen Meisterschaft“ teil, fliege aber in der ersten Runde raus. Im Gruppenwettbewerb (starte für Gastgeber Düsseldorf) läuft’s etwas besser.

2000 Ich gewinne als Otto Normal einen weiteren wichtigen Preis: „Udo Rohloffs (Name geändert) Talentcenter“. Alt-Kabarettist Udo Rohloff, der als Pfund mit einem Fernsehauftritt in der völlig unbekannten Show „RTL-Samstag-Spätnacht“ vor einigen Jahren wuchern kann, lässt zwei mal wöchentlich je vier Künstler unterschiedlichster Sparten gegeneinander antreten, ermittelt dann per Applausometer einen Wochen-, später einen Monats- und schließlich einen Jahres- also Gesamtsieger, dem „eine Plattenproduktion im Wert von 10000 Mark“ winkt. Rohloff, der dieses Konzept schon erfolgreich für die Firma Spinnrad in Gelsenkirchen umgesetzt hat, hat einige Probleme. Da er erstens jede Woche acht (!) Talente braucht, ist die Qualität der „Shows“ in den Vorrunden katastrophal. Wer auch immer glaubt, einen Schlager singen zu können, oder dies zumindest einmal ausprobieren zu wollen, darf dies hier, im viel zu großen Bürgersaal im Uni-Stadtteil-Zentrum, der den Charme einer Lagerhalle versprüht, tun. Und das ist nicht immer schön. Da Udo Rohloff zweitens die Zeit vor den Shows damit verbringt, belegte Brote zu schmieren, die später ans Publikum verkauft werden sollen, scheint auch die Finanzierung durch das namensgebende Einkaufszentrum an der Bochumer Uni, nicht ganz glattzulaufen. Rohloff mag mich von Anfang an, und, um in Nachhinein ehrlich zu sein, ich ihn irgendwie auch, bringt mich nach meinem zweiten Platz im Monatsfinale doch noch ins Jahresfinale, indem er den vor mir liegenden Monatssieger Benny, einen jungen, gutaussehenden, gesanglich unglaublich guten Boygroup-Typen, disqualifiziert, weil dieser schon anderweitig einen Plattenvertrag unterschrieben hat, was ihn ja als Preisträger ausschließt.
Im Jahresfinale bin ich schließlich siegreich, was mir neben einem Pappschild mit der grammatisch fragwürdigen Beschriftung „Sieger des Jahresfinale“ zwar zwei Presseartikel und weitere „Connections“, aber letztlich doch keine Plattenproduktion einbringt, da der preisstiftende Produzent nach einiger Zeit zunächst, wie man hört, bankrott, und dann auch verschollen ist.
Nichts desto trotz wähne ich mich kurz vorm Durchbruch.
Über Udo Rohloff spiele ich in den folgenden zwei Jahren noch in diversen von ihm moderierten Comedy-Mix-Shows, die mich durchaus weiterbringen, die sich allerdings auch allesamt primär dadurch auszeichnen, dass man hierfür keine Gage erhält. Das Angebot Rohloffs, mich für zehn Jahre an ihn als meinen Manager zu binden und dafür 50% der Einnahmen abzutreten, lehne ich nach reiflicher Überlegung ab.

2000 Ein befreundeter Kollege Rohloffs namens Franz M. hat mich beim „Talentcenter“ entdeckt, beschert mir ein paar mäßig bezahlte Gigs in einer einem Hotel angeschlossenen Erlebniskneipe in Wesel, die aber nur der Anfang sein sollen, denn M. ist ganz nah dran an etwas ganz Großem: Ein Vertrag mit einer bekannten Brauerei über regelmäßige Comedy-Mix-Shows in Hotels in ganz Deutschland ist schon so gut wie unterschrieben. Ständige Auftritte an den Wochenenden für feste Gagen stehen bevor, ich bin kurz vorm finanziellen Durchbruch, erwäge, meine Nebenjobs als Fahrer eines Blumenladens und Abendbrot-Schmierer eines Altenheims in Mülheim aufzugeben. Mit im Boot ist auch der Duisburger Kollege Ludger K. (und das K. ist ausnahmsweise kein Kürzel von mir, sondern er nennt sich so!), den ich einige Monate zuvor nach einem Auswärtsspiel des VfL Bochum auf dem Bahnhof in Köln-Deutz kennenlernte – als VfL-Fan und Kollege, wir stiegen dann gemeinsam in den falschen Zug, doch das ist ein andere Geschichte - und der ebenfalls Auftritte in Rohloffs Dunstkreis absolviert.
Leider zieht sich die endgültige Vertragsunterzeichnung, wie ich in zahlreichen Telefonaten mit Franz M. immer wieder erfahren muss, über Monate hin, ständig kommen echt dumme Zufälle dazwischen –der originellste ist ein Herzinfarkt des zuständigen Vertragspartners. Irgendwann ist M. über Wochen nicht mehr erreichbar -und ward bis heute nicht mehr gesehen.

2001 Ein durch die„Aristophanes Talentbörse“ vermittelter Auftritt im Museum Bochum lässt die Direktion des Varietés „et cetera“ auf mich aufmerksam werden: Für das anstehende Programm „Pott-Pourrie“ wird noch ein Künstler, möglichst ein Ruhrpott-Original, gesucht. Bei einem öffentlichen Casting, zu dem mich die Direktion einlädt (etwa 4-stündige Veranstaltung mit verschiedensten Künstlern – vom Akrobaten bis zum Mittelalter-Minnesänger), vermag ich zu überzeugen und werde schließlich für das Programm im Frühjahr 2001 gebucht. Als „Otto Normal“, Assistent des Arbeitsamtsleiters, bringe ich mich in gut 60 Vorstellungen mit zwei Songs aus meinem Programm ein. Das knapp 3-monatige Engagement sehe ich für mich als Meilenstein zum endgültigen Sprung ins Profilager. Interessante Erfahrungen, Kollegen, Lebenswelten, zum ersten Mal Arbeit mit Regie.

2001 In gegenseitigem Einvernehmen werden die monatlichen Zahlungen meiner Eltern zwecks Unterstützung meines fleißigen Studentenlebens eingestellt. Selbiges ist auch längst dem unsteten Lebenswandel eines Künstlers gewichen. Auch die vorherigen Nebenjobs in Mülheim habe ich seit einiger Zeit nicht mehr. Nun muss ich allein klarkommen, das „et-cetera“-Engagement ist eine gute Basis.

2001 zum ersten Mal werde ich für einen „richtigen“ Kleinkunstpreis nominiert, nämlich den der Stadt Schwelm. Der geschätzte Kollege Heinz Gröning („Der unglaubliche Heinz“), spielt mich in der K.O.-Vorrunde an der Wand. Ich ziehe den Hut und bin um eine Erfahrung reicher.

2001 Ein anderer Kleinkunstwettbewerb weckt mein Interesse: In Bochum sehe ich mir „Tegtmeiers Erben“ an, wo einige mir mehr oder weniger vertraute Kollegen teilnehmen: Johann König, Achim Knorr, der unbeschreibliche Dr. Welf Haeger, - und der Bochumer Kollege Hennes Bender, den ich namentlich seit Beginn meines Studiums durch sein damaliges Duo „Lengkeit gegen Bender“ und seit einiger Zeit auch persönlich als guten Kollegen kenne. Er gewinnt schließlich Jury- und Publikumspreis, wird kurz darauf von einer renommierten Agentin, die in der Jury saß, unter Vertrag genommen und startet eine große Karriere.
Ich beschließe, das auch so zu machen und mich hierzu beim nächsten Mal für besagten Preis zu bewerben, der leider nur alle zwei Jahre stattfindet. Tegtmeier 2003 ist mein Ziel.

2001 Teilnahme am „German International Slam“ in der Hamburger Markthalle, übrigens der einzigen deutschen Spielstätte, wo jemals Charles Bukowski aufgetreten ist. Die in der Hansestadt versammelte Slam-Gemeinschaft tritt während der Veranstaltungstage in punkto Lebenswandel würdig in dessen Fußstapfen. So ist das Künstlerleben, herrlich! Ich werfe in der Vorrunde mindestens eine Ikone aus dem erlauchten Kreis der Stars der ersten deutschen-Slam-Generation raus, erreiche am Finaltag die finale Finalrunde, werde dort fünfter – der fünf verbliebenen Teilnehmer - und bin zufrieden. Habe meine Duftmarke in der Slam-Szene gesetzt und schließe das Thema damit für mich ab; nur noch sehr vereinzelte Präsenz bei Poetry-Slams in den folgenden Jahren. Gewinner ist übrigens der grandiose, sehr geschätzte und heute zu einer festen Größe des Kabaretts zählende Kollege Sebastian Krämer.
Hamburg bringt mir eine weitere Veröffentlichung: Mit zwei Beiträgen bin ich auf dem CD-Sampler „Poetry Slam“, Hoffmann und Campe, 2002, dabei. Bemerkenswert: Eine CD-Kritik in der Süddeutschen Zeitung nimmt explizit mich vom gnadenlosen Verriss der Scheibe aus. Ich lache mir ein bisschen ins Fäustchen.

2002 Das Lachen vergeht mir aufgrund prekärer finanzieller Umstände. Der meinem Mitbewohner abgekaufte alte Opel-Kadett erfordert kostspielige Reparaturen, mein Lebensentwurf, von 1000 DM pro Monat ein bescheidenes, aber cooles Künstlerleben zu führen, scheitert an drei Details, nämlich dass ich erstens mit diesem Betrag nicht aus- und ihn zweitens auch erst gar nicht zusammenbekomme. Drittens gibt es plötzlich gar keine DM mehr, und alles Wesentliche (z.B. Bestellpizza) ist auf einmal doppelt so teuer.
Meine Eltern leihen mir Geld.

2002, Sommer/Herbst, Rettung naht: Über BOSKOP-Vermittlung lerne ich den Regisseur Christian Scholze kennen. Er arbeitet an einem Projekt, für das er noch einen Kabarettisten sucht: In einem seit Generationen renommierten, aber kränkelnden Café in der Düsseldorfer City soll eine gemischte Show der besonderen Art stattfinden: Blues-Musik, Lesung, Foto-Ausstellung, Kabarett und ein komplettes Theaterstück hintereinander, also etwa vier Stunden Abendprogramm, dazu ein „Festbüffet“. Das Programm – Eintrittspreis um die 50 Euro - soll über drei Monate jeden Abend laufen, dann soll das Ensemble wechseln. Ein mutiges Konzept, das auf den ersten Blick ein bisschen riskant erscheint, aber Intendant Rainer G, der sich als „Trouble-Shooter“ oder so ähnlich bezeichnet, dessen Job es also ist, kränkelnde Unternehmen wieder hochzupäppeln, bietet als Sicherheit immerhin den Namen des altehrwürdigen Cafés als Co-Vertragspartner - und beeindruckt überhaupt durch seine entwaffnende Offenheit: Nicht jeder würde sofort erzählen, dass er wegen Betruges vorbestraft ist. Also blocke ich nach Aushandlung einer nicht schlechten Festgage den gesamten Herbst und freue mich auf schwarze Zahlen.
Regisseur Scholze, mit dem ich mich gut verstehe, ist sowohl für den künstlerischen Gesamtablauf des Abends als auch für die einzelnen Bestandteile zuständig, arbeitet also auch wochenlang mit mir an meinem aufzuführenden halbstündigen Programm. Meine erste intensive Regiearbeit, bei der ich sehr viel lerne.
Mit Intendant G. ausgehandelte Probengagen fließen zögerlich und unvollständig, die Premiere wird mehrmals verschoben, findet schließlich an einem Freitag im Oktober vor 3 zahlenden Zuschauern und einigen Gästen statt. Das Programm ist unerträglich lang und das „Festbüffet“ ein Witz. Die Vorstellung am Samstag entfällt, am Sonntag soll statt der Aufführung eine Krisensitzung stattfinden. Hier eröffnet Rainer G. dem gesamten Ensemble, dass er nun pleite sei und nicht mehr weitermachen könne. Bei etwaigen Forderung mögen wir uns an das Café wenden. G. schafft es irgendwie, unauffällig zu verschwinden, während der Chef des Cafés erklärt, er habe nie irgendwelche Verträge gesehen und sei für das Projekt nicht zuständig. In der Tat steht das Café zwar neben G.’s Firma mit im Vertrag, jedoch ohne Unterschrift eines Offiziellen, wie das knapp 10-köpfige Ensemble vom Regisseur bis zum Blues-Musiker nunmehr begossen realisiert.
Mein Terminkalender ist nun bis Ende des Jahres (fast) leer, mein Kontostand katastrophal. Meine Eltern leihen mir Geld.
Aus einem Rechtsstreit mit Herrn G. und dem Café klinke ich mich bald aufgrund fehlender finanzieller Mittel und der damit verbundenen Scheu vor dem Risiko aus. Meines Wissens nach bekamen einige mutigere Ensemblemitglieder Jahre später tatsächlich noch Geld aus der Konkursmasse des inzwischen insolventen Cafés.

2002 Kollege Hennes Bender verhilft mir, kollegial Türen öffnend, zu meinen ersten Auftritt bei Nightwash, der in einem Kölner Waschsalon stattfindenden Comedy-Show, die auch als Fernsehformat im WDR läuft. Über die Live-Show werden die Acts für die TV-Aufzeichnungen „entdeckt“.
Hennes nimmt mich als unbekannten Kollegen einfach mal mit, performt mit mir zusammen mein Lied „Gemischte Tüte“, außerdem singe ich „Neuss und Moers“.
Im Publikum befindet sich auch Thomas Hermanns, Vater bzw. Mutter des bekannten Berliner „Quatsch Comedy-Clubs“, der als „Dozent“ der "Köln-Comedy-Schule" vor Ort ist und sich mit seinen Schützlingen die abendliche Show ansieht.
Knacki Deuser und Co. engagieren mich nun für eine Nightwash-Fernsehaufzeichnung, tatsächlich läuft im Spätherbst 2002 „Neuss und Moers“ im WDR - mein erster TV-Auftritt, den ich mit Freunden zuhause vorm Fernseher feiere.
Vier weitere „Nighwash“-Aufzeichnungen folgen zwischen 2002 und 2005, ihre Ausstrahlungen werden nicht mehr aufwändig zelebriert.

2002 Die Bookerin des Quatsch-Comedy-Clubs in Berlin ruft mich an. Im Rahmen der allwöchentlichen Show „Club Mix“ ist ein einmaliges Ruhrpott-Special geplant. Auf Initiative von Thomas Herrmanns, der mich ja in Köln gesehen hat, werde ich für die Show, in der neben Hennes auch die wunderbare Popette Betancor, Till Hoheneder und als Moderator Atze Schröder dabei sind, angefragt und engagiert. Der Auftritt verläuft erfolgreich, ein folgendes Engagement im regulären „Club Mix“ ebenfalls. Bald bin ich regelmäßig als Teil der gemischten Show im (wie der Insider sagt) „Quatsch Club“ zu Gast, seit Anfang 2006 auch in der neuen „Filiale“ in Hamburg. übrigens immer empfehlenswerte Adressen für Comedy-Begeisterte.

2002 Nebenprojekt: Frau D. gründet mit drei Freundinnen und Kirchenchorschwestern die Frauenkabarettgruppe „Die Sahnehäubchen“. Und Begleitpianist bin natürlich ich. Zwei Programme entstehen („Liebe, Frust und Leidenschaft“ 2002 und „War’s das?“ 2004), die bis heute gelegentlich in Veranstaltungen kirchlicher Gemeinden, aber auch in Kleinkunsttheatern der Region aufgeführt und dabei äußerst gut frequentiert werden.

2002 Und noch mal der Kollege Hennes: Als Gast wirke ich auf seiner ersten CD „Generation Yps“ mit, erneut mit einer gemeinsamen Performance des Liedes „Gemischte Tüte“. Leider ist der „Hidden Track“ auf der CD ein bisschen arg „hidden“ und wird wohl selten entdeckt und gehört.
Im Zuge der CD von Hennes – und meiner namentlichen Erwähnung dort - liegt eine endgültige wichtige Entscheidung an: Mein Künstlername Otto Normal birgt seit längerem Probleme, da er erstens gar nicht zu dem passt, was ich auf der Bühne mache, und da er zweitens, wie ich inzwischen festgestellt habe, schon länger auch von einer nordeutschen Stimmungsmusikband besetzt wird.
Ich entscheide mich, mich fortan Christian Hirdes zu nennen, was ich bis dato nur bei Poetry Slams gemacht hatte. Mein immer noch im Fluss befindliches Programm heißt zunächst weiterhin „Otto Normal –ohne Moral“ (bevor es 2004, zu einem festen Programm umgebaut und in „Anmache“ umgetauft wird).

2003 Es klappt nicht mit dem reinen Künstler-Dasein. Ich habe weiterhin notorisch zu wenig Geld, und als ein alter Kumpel und Tontechniker mich fragt, ob ich in seiner neu eröffneten Kleinkunst-Kneipe in Wattenscheid auftreten will, frage ich ihn im Gegenzug spontan, ob er mir nicht auch einen Kellner-Job dort anbieten könne.
Ein knappes halbes Jahr jobbe ich dort, bin aber nicht besonders geeignet dafür. Gut, dass der Laden quasi immer leer ist, denn wenn ich gleichzeitig ein Pils zapfen und einen Milchkaffee zubereiten soll, bin ich schon gestresst.
Es ist eine gute Zeit, eine lustige, neue Perspektive, auftretende Kollegen und ihr Publikum mit Getränken zu versorgen. Nebenbei beginne ich dort mit der „Gemischten Tüte“, einer monatlich stattfindenen Mix-Show, die ich moderiere und organisiere (von Ende 03 bis Ende 06 dann in der Kneipe „Freibad“ in Bochum).
Auf Dauer aber doch blöd, dass der Laden in Wattenscheid quasi immer leer ist, denn nach einem halben Jahr wird dem Wirt und alten Kumpel aufgrund ausstehender Rechnungen der Zapfhahn zugedreht und die Kneipe dichtgemacht. Das war abzusehen, denn hier waren sogar die „Sahnehäubchen“ nicht ausverkauft…
Dass ich mich als alter Kumpel mit Forderungen nach noch zu bezahlenden Arbeitsstunden in nicht unerheblicher Menge natürlich hinten anstelle, ist selbstverständlich, aber andererseits meiner eigenen Situation nicht ganz angemessen. Schließlich habe ich den Job angefangen, weil ich selbst pleite war.
Die Sparkasse schreibt mir nun einen Brief, in dem sie mich um ein Gespräch bittet, bezüglich des schon länger weit überschrittenen Dispo-Kredits, die Künstlersozialkasse schreibt mir einen Brief, in dem sie mich um Auskunft bittet, warum die Sparkasse den monatlich anliegenden Einzug der Beiträge verweigert. Sparkassen-Automaten schreiben keine Briefe, sondern verweigern kommentarlos die Herausgabe jedweden Betrages.
Meine Eltern leihen mir Geld.

2003 „Tegtmeiers Erben“ liegt an. Darauf warte ich seit zwei Jahren. Plangemäß bewerbe ich mich, werde zwar nicht direkt nominiert, darf aber in einem öffentlichen Casting mit 7 Kollegen um einen von drei noch zu vergebenden Startplätzen ringen. Ich tue mich erneut mit Christian Scholze zusammen – diesmal engagiere ich ihn, er arbeitet kostenfrei für mich - und wir arbeiten wochenlang an meinem 15-minütigen Set für das Casting in Herne. Auf der Bühne der Kulturkneipe in Wattenscheid, wo ich zu diesem Zeitpunkt noch jobbe, können wir außerhalb der Öffnungszeiten proben.
Ich muss beim Casting als erster ran, mache einen passablen Auftritt. Viele tolle Kollegen sind dabei, unter anderem Moses W., Dagmar Schönleber, Hagen Rether, der schon erwähnte und inzwischen auch privat mit mir befreundete Ludger K. und Christian Ehring. Und die letztgenannten drei werden dann auch nominiert. Hagen Rether gewinnt später den Jurypreis, in jenem Jahr gewinnt er überhaupt alle Kleinkunstpreise in Deutschland – und ist fortan zu Recht der neue Stern am Kabaretthimmel.

2003 Nebenprojekt: Auf Initiative des „Zauberkastens“, der für seine Silvestershow noch einen Act braucht (neben dem Duo Diagonal sowie dem hauseigenen zauberhaften Duo „Robinson und Angelika“) gründen Frau D. und ich das „Paar Excellence“, ein verliebtes Chanson-Schlager-Pärchen mit Songs von Funny van Dannen, Sunny und Cher, Element of Crime, Farin Urlaub u.v.a. Ähnlich wie bei den Sahnehäubchen wird das Projekt primär zum Vergnügen und ohne große Ambitionen und Akquise betrieben, Auftritte ergeben sich nur sporadisch durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

2003, November. Während die Anwärter auf das Erbe Adolf Tegtmeiers durch den Ruhrpott touren, stehe ich in Berlin im Quatsch-Club auf der Bühne. Seit ein paar Monaten arbeite ich lose mit einer Agentur zusammen, und mein Spätherbst und Winter des Jahres laufen erstaunlich gut, unauffällig hat sich der Terminkalender in den letzten Monaten mit November- und Dezember-Auftritten gefüllt.
Für 2004 steht mir mit den „Heilbronner Lorbeeren“ ein Kleinkunstpreis bevor, vor erfahrungsgemäß über 600 begeisterungsfähigen Zuschauern des Gaffenberg-Festivals, und meine Agentur sagt, hier einen Jury- oder Publikumspreis zu gewinnen, könne ein schöner Anfang sein und Türen für andere total wichtige Preise öffnen wie etwa die Lüdenscheider Lüsterklemme. Eigentlich will ich zwar nur Tegtmeiers Erben, aber da muss ich nun noch bis 2005 warten. Tja, mal sehen, was die Zukunft bringen wird? Ruhm? Erfolg? Frauengeschichten?
Vielleicht ja im nächsten Jahr, dem Jahr meines 30. Geburtstags, die Erkenntnis, dass ich langsam alt werde? Dass im Rahmen einer Live-TV-Sendnung auf Pro 7, wo Nachwuchscomedians gegeneinander um die Gunst des Publikums werben, plötzlich 17-jährige schelmisch auftretende Standupper mit herrlich unter der Gürtellinie angesiedeltem Programm fast 90 % der telefonisch ihre Stimme abgebenden Zuschauer überzeugen? Und ich als einer der vier übrigen Teilnehmer langsam erwachsen werden muss?
Vielleicht bringt das nächste Jahr ja auch ein lustiges kleines TV-Intermezzo als „singender Liebesbote“ in einer neuen Rubrik der Romantik-Show „Nur die Liebe zählt“? Das wäre doch lustig, ich hätte gewiss eine schöne Geschichte zu erzählen: Ich müsste etwa Geliebte mit an der Gitarre vorgetragenen kurzen Gruß-Songs ihrer besseren Hälften überraschen. Ich schriebe die Songs selbst, frickelte aus redaktionell zusammengetragenen Infos über die Liebespaare süße Verse zusammen („Auf der Weihnachtsfeier, da ist es passiert/ da hat das Schicksal euch zusammengeführt“), absolvierte vielleicht zunächst einen Probedreh in Hamburg, dann zwei Drehtage in Köln. Mit zwei Wagen führen wir durch die Gegend, träfen zu bestimmten Zeiten an zuvor ausrecherchierten Orten die verblüfften Opfer und trieben ihnen mittels meines Gesangs und der dahinter lauernden Kameras erst den Schweiß auf die Stirn und dann im besten Fall die Tränen in die Augen („Weinen ist ’ne Zehn!“). Nachdem wir bereits ein knappes Dutzend „Aufträge“ im Kasten hätten, würde der Sender dann aber feststellen, dass ihm das Konzept so doch nicht gefällt und lediglich der allererste (Probe-)dreh aus Hamburg verwertbar wäre.
Dieser würde dann auch in der ersten Folge der neuen „Nur die Liebe zählt“-Staffel gesendet, doch da Sat1 mit dieser und vor allem der im Anschluss ausgestrahlten ersten Folge des brandneuen, tollen Formats „Kämpf um deine Frau“ ein Einschaltquoten-Fiasko erlebt und den Sonntag Abend haushoch an Hauptkonkurrent RTL („Notruf“) verloren hätte, wäre der Privatsender sogleich in hektischen Aktionismus verfallen und hätte in einer Krisensitzung u.a. beschlossen, bis auf weiteres alles Neue aus dem einstigen Flaggschiff und Quotengaranten „Nur die Liebe zählt“ rauszuschmeißen. Dabei wäre es dann auch geblieben, die Sendung würde ohne meine gut einminütigen Auftritte auch gleich wieder erfolgreicher - und so wäre nichts aus meiner wöchentlichen TV-Präsenz und meiner neuen Karriere als Deutschlands „singender Liebesbote“ geworden. Doch die Produktionsfirma und ich gingen harmonisch auseinander, und das Nicht-Mehr-Zustandekommen der geplanten längeren Zusammenarbeit würde sich problemlos verschmerzen lassen für mich, denn diese - ersponnene - Geschichte spielt ja im Jahr 2004, während der erste Teil meiner Autobiografie mit dem Untertitel „ Ich hatte doch nichts – oder Lehrjahre sind keine Wechseljahre“ schon im November 2003 endet, an jenem Vormittag nämlich, als meine Mutter mich auf dem Handy in Berlin anrief und mir mitteilte, es sei wichtig, denn Post von der Sparkasse sei für mich versehentlich bei ihnen, in meinem Elternhaus, angekommen.
Noch während ich überlegte, ob es wohl tatsächlich so dringlich sein könnte, dass ich meine Mutter anweisen sollte, den Brief vor Ort zu öffnen und mir vorzulesen, selbst auf die gar nicht so unwahrscheinliche Gefahr hin, dass er eine irgendwie peinliche oder gar besorgniserregende Nachricht enthalten könne, von der meine Mutter nicht unbedingt Kenntnis haben sollte, erklärte sie mir:
„Ich hab den aufgemacht. Die schreiben: Herzlichen Glückwunsch, Ihr Konto ist zum ersten Mal im Plus.“